Wilhelmsdorfer Geschichte

75 Jahre Wilhelmsdorf
1923 - 1998
wie alles begann
Während der Triaszeit vor ca. 2oo Millionen Jahren stand unsere nähere Umgebung, geologisch gesehen die "Schaumburger Kreidemulde", unter Wasser. Die mächtigen Tonschichten, die sich in dieser Zeit bildeten, beherbergen noch heute viele, unterschiedliche Fossilien, die erst in allerjüngster Vergangenheit gefunden wurden und werden.
Vor gut 700 Jahren befanden sich viele kleinere und mittlere Ortschaften um uns herum mitten in ihrer Entstehungsgeschichte. Ganze 75 Jahre ist es her, daß ein kleines Waldstück im Haster Wald an der Wegegabelung Haste - Rehren - Idensen, der Jagen 29 oder auch Hohlhast genannt, zur Urbarmachung freigegeben wurde.
Nun erfreuten sich Feste auf diesem Fleckchen Erde seit jeher großer Beliebtheit. In den dreißiger Jahren jedes Jahr zu Himmelfahrt ein Zeltfest mit zünftiger Musik, wo es angenehme Naschsachen für die Kinder bei Oma Buhr zu kaufen gab. Sie brachte Honigkuchen, Wundertüten und dergleichen in ihrem Korb aus Rehren mit. 1948 das erste "große Fest" aus Anlaß des 25jährigen Dorfjubiläums, 1963 der 40jährige und 1973 der 50. Geburtstag. Eine viertägige große Veranstaltung, welche neue Dimensionen setzte und alles bisher Dagewesene in den Schatten stellte (und das nicht nur auf Wilhelmsdorf bezogen). Dieses Fest ist noch heute in aller Munde, und wir haben uns bemüht, 1998 zum 75. Geburtstag dem Fest einen ähnlichen Rahmen zu geben.
Doch zurück zur besagten Weggabelung. Hier hatte speziell in den Jahren 1914 - 1918 und 1920 - 1921 der Eichenwickler, ein Baumschädling, sein Unwesen getrieben. Der Schadensbericht der Forstverwaltung lautete knapp und wohl auch treffend: Kahlfraß. Nun war es jedoch keinesfalls so, daß der Eichenschädling dem ersten Siedler die größte Arbeit erspart hätte. Ganz im Gegenteil. Bis zum ersten Spatenstich für das eigene Heim verblieb ihnen noch schwere körperliche Anstrengungen. Doch davon später mehr.
Die kleinen Leute waren es immer, die nach großen Kriegen keinen Erwerb fanden. So war der Wunsch nach eigenem Land zu der damaligen Zeit fast schon eine reine Überlebensfrage. Denn Pachtland, für den Broterwerb notwendig, konnte von den Besitzern von heute auf morgen zurückgefordert werden. Das Amtsgericht in Rodenberg weiß von vielen solchen Streitigkeiten zu berichten.
Das damalige Parlament - der Reichstag - beschloß nach dem 1. Weltkrieg schließlich, Grund und Boden für Siedlungszwecke freizugeben. So war es für die ersten Landhungrigen in Rehren A.R. ein Segen, daß ein Baumschädling (Eichenwickler) im Staatsforst Haste schwere Schäden angerichtet hatte.
Die Staatsforstverwaltung sah sich gezwungen, größere Flächen abzutreiben. An die Rettung des Waldbestandes konnte nicht gedacht werden. Diese Ländereien wurden an die Hessische Siedlungsgesellschaft mbH in Kassel abgetreten, da man damals noch zu Hessen gehörte (Niedersachsen entstand erst gut 25 Jahre später). Das Land (6 ha) sollte von dieser Siedlungsgesellschaft an die benachbarten Gemeinden aufgeteilt werden. Es war vorgesehen, daß die Siedlungen "Rehren A.R. I und II, Hohnhorst II, Idenser Moor und Idensen" der Gemeinde "Rehren A.R." überlassen werden sollten. Alle Siedlungsflächen gehörten zum forstfiskalischen Gutsbezirk Oberförsterei Haste.
Im Herbst 1922 war Phillip Buhr der erste, der mit dem Ausschachten seines Hausfundamentes begann. Im Sommer 1923 konnten dann die Familien Buhr, Dornbusch und Meyer ihr neues Heim beziehen. Da zum Forst Haste bisher 13 Häuser gehörten, bekam das Buhr'sche Anwesen die Nummer 14 usw. Diese ersten 3 Häuser standen ein Jahr lang allein, ehe sich 4 weitere Neubauten hinzugesellten.
Das Stukenroden war es, welches die Urbarmachung anfangs eine sehr mühselige Arbeit werden ließ. Jeder der neuen Siedler half 10 Stunden unentgeltlich beim Roden. Die Stuken mußten unter schlechtesten Bedingungen mit einer Winde aus dem Erdreich geholt werden. Die Erlaubnis zum Sprengen bekam man erst, als der Bergmann Behrens aus Rehren sich für eine fachgerechte Lagerung verbürgte und die alleinige Verantwortung übernahm. Doch der Jagen 29 hatte nicht nur schlagreife Eichenbestände; es befanden sich auch viele junge hiebsunreife Bäume darunter, die von den Siedlern letztendlich noch bezahlt werden mußten. Die geschlagenen Bäume waren natürlich billiges Brennmaterial.
Am 20. September 1933 erging ein Schreiben des Landrates des Kreises Grafschaft Schaumburg an den Herrn Gemeindevorsteher Rehren A.R., daß der Regierungspräsident für die neugebildete, politisch zur Gemeinde Haste gehörende Siedlung Wilhelmsdorf offiziell und landespolizeitlich den Namen "Siedlung Wilhelmsdorf" festgestellt hatte. Die Bewohner hatten den Namen aber schon vorher von der nahegelegenen Wilhelmskuhle abgeleitet. Podbielski, so hieß das Waldgebiet bzw. die Revierförsterei bis 1918 und wieder ab 1930, wollten sie ihre Siedlung nicht nennen.
Am 21. August 1935 wurde mit dem Schreiben an den Vorsitzenden des Kreis-Ausschusses Rinteln um Überlassung von je einem bzw. zwei Morgen Siedlungslandes gebeten. Die Siedler aus Rehren A.R. Weißhaupt, Seegers, Most, Dornbusch, Ryhsel, Sennholz und Lattwesen behaupteten, daß im Jagen 28 schlagreife Eichenbestände vorhanden seien. 1936 gingen mehrere Parzellen, Eigentümer die Hessische Siedlungsgesellschaft Kassel, in den Besitz der "politischen Gemeinde Rehren" über.
Langsam bildete sich ein Ortskern heraus, Rehren A.R. I/Hohnhorst II (Wilhelmsdorf) wuchs und wuchs. Die "Siedlungsinteressenten", die kleine Eigenheime zu errichten gedachten und im Besitz der erforderlichen Eigenmittel waren, mußten beim Bürgermeister ihres Wohnsitzes zwecks Baulandbeschaffung vorstellig werden
Im September 1938 stellte Otto Lockemann aus Rehren A.R. den Antrag auf Erwerb von 2 Bauplätzen in Haste-Wilhelmsdorf. Friedrich Drewes beabsichtigte im Frühjahr 1939 ein Wohnhaus zu bauen. Er richtete am 28.11.1938 ein kurzes Anschreiben an die Gemeinde Rehren A.R. Am 30.10.1938 bat Heinrich Steege die Gemeinde um einen Bauplatz, "die Kinder seines Hauswirts seien jetzt so weit, daß sie zu jeder Tageszeit heiraten können". Phillip Buhr, der erste Bauherr in Wilhelmsdorf, bat im Dezember 1938 um Überlassung eines weiteren Bauplatzes. Alle zusammen zahlten schließlich 9.771,20 Reichsmark an die Staatskasse. Sie hatten Bauland für sich oder ihre Söhne erworben.
1939 waren schließlich 21 Häuser errichtet. Es wohnten 33 Familien in Wilhelmsdorf. Während des 2. Weltkrieges und danach mußten Bombengeschädigte aus Hannover und dem Ruhrgebiet aufgenommen werden. Flüchtlinge aus den Ostgebieten fanden hier eine neue Heimat. Behelfsheime mußten errichtet werden.
Ab 1950 breitete sich der Ort weiter aus. Die Bäckerei Georg Drotschmann rundete das Ortsbild ab. Sie und das Spar-Geschäft von Wilhelm Buhr versorgten die Einwohner. Der Anschluß an die Abwasserkanalisation erfolgte 1969 und 1970. Bei Regen unpassierbare Wege baute man zu Straßen aus. Es tat sich etwas. 1973 standen 52 Gebäude.
Anfang der achtziger Jahre stellte die Gemeinde Haste die Bebauungspläne Nr. 2A und 12 auf (Große Loh/Zum Kanal). Sie waren und sind die Grundlage für das weitere Anwachsen. Neue Straßen kamen hinzu, ebenso ein Kinderspielplatz. Eine große Bautätigkeit hatte gerade in 1993 eingesetzt, freie Grundstücke schwinden.
Wie heißt es in der Festschrift zum 50. Geburtstag: "Wir vertragen uns. Schon heute sind wir fest davon überzeugt, daß wir beim nächsten Geburtstag in 25 Jahren nichts Gegenteiliges berichten müssen."
Nun, wir Wilhelmsdorfer von heute haben Wort gehalten, wir vertragen uns noch immer.
Als Siedler im Gutsbezirk Haste kam man sich in den ersten 10 Jahren buchstäblich zwischen Baum und Borke gefangen vor. Zu Haste gehörten sie, aber man fühlte sich nicht zugehörig. Zu Rehren wollten sie, aber man wollte sie nicht. Sie gehörten der "minderbemittelten Volksklasse" an, waren "Tagelöhner" und natürlich "Sozialdemokraten", und Rehren hatte deshalb überhaupt kein Verlangen, diese Menschen der Gemeinde Haste abzunehmen.
Da richteten die Siedler von Wilhelmsdorf am 26.12.1929 eine Beschwerde an den Bezirksausschuß in Kassel. Der Kreis-Ausschuß in Rinteln hatte in seiner Sitzung vom 22.10.1929 die Absicht geäußert, die Siedlungen Rehren A.R., Hohnhorst II und Idensen sowie die Jagen 27, 28, 29, 30, 40 und 41 des Staatswaldes der Landgemeinde Rehren A.R. zuzuführen. In einer weiteren Sitzung am 16.12.1929 wurde diese Absicht nach eingehender Beratung aber widerrufen und beschlossen, die Siedlung Rehren A.R. (Wilhelmsdorf) doch bei Haste zu belassen. Zumal auch die Gemeindevertretung von Rehren A.R. die Umgemeindung am 12.11.1929 abgelehnt hatte.
Der Kreisausschuß-Beschluß wurde mit 6 Stimmen gegen eine gefaßt. Den Siedlern von Wilhelmsdorf stand ein Beschwerderecht nach den gesetzlichen Bestimmungen nicht zu, da sie nicht als Beteiligte galten.
Was war geschehen? Die der Hessischen Siedlungsgesellschaft in Kassel abgetretenen Ländereien sollten an die entsprechenden Gemeinden aufgeteilt werden, in diesem Fall Rehren A.R.
Am 1. Januar 1929 wurde aber vom Preussischen Staatsministerium u.a. der Forstgutsbezirk Haste aufgelöst. Da die Flächen der Siedlungen Rehren A.R. I und Hohnhorst II (Wilhelmsdorf) noch zum Forstbezirk Haste gehörten, fielen diese zwangsläufig der Gemeinde Haste zu.
Am 30. Oktober 1930 bat die Gemeindevertretung Haste erneut um Umgemeindung der Siedlung Rehren nach dem Gemeindebezirk Rehren A.R. Verwaltungsschwierigkeiten, ungünstige Schulverhältnisse, Losholzverteilung und der Wille der Bevölkerung wurden als Gründe angeführt. Haste bat nicht nur, es verlangte diese Maßnahme vom Kreisausschuß.
Vergeblich, der Kreis lehnte am 23. Februar 1932 ab. Die kommunale Mehrbelastung durch Wilhelmsdorf wäre erträglich. Im übrigen ließe sich aus dem niedrigen Gewerbesteuersatz, der fehlenden einfachen Bürgersteuer und aus anderen aufgeführten Einnahmen, ableiten, daß Haste doch "recht günstige finanzielle Verhältnisse hat". Rehren dagegen .....
12. März 1932 - Beschwerde gegen diesen Kreisbeschluß. Alle Register seitens Haste wurden gezogen. Diesmal bat man nur noch. Auch Rehren schob noch einmal Argumente gegen eine Umgemeindung nach. U.a. erhielten doch der Bürgermeister und Gemeindediener von Rehren noch nicht einmal die Hälfte der Amtsentschädigung ihrer Kollegen aus Haste. Ein untrügliches Indiz für die äußerst schwache Finanzsituation. Man bat, die Beschwerde der Gemeinde Haste abzuweisen.
Der Beschluß des Bezirksausschusses Hannover erging am 15. März 1933: Beschwerde abgelehnt. Ein Hauptargument lag in dem unterschiedlichen Steueraufkommen. Die reiche Gemeinde Haste konnte das "leistungsschwache" Wilhelmsdorf leichter tragen, als das "hoch belastete" Rehren.
1934 traf ein erneuter Antrag auf Umgemeindung aus Haste kommend in Rinteln ein. Haste hatte laut Gesetz vom 28. Oktober 1933 507 ha Grundstücksfläche (Colenfelder Feld) verloren, die Leistungsfähigkeit ist "erheblich beeinträchtigt", man bittet deshalb den Landrat, "im Interesse des öffentlichen Wohles" Wilhelmsdorf der Gemeinde Rehren einzuverleiben.
Alle Siedler seien in Rehren geboren und "hegen nur den einen Wunsch: zurück nach Rehren". Schulverhältnisse (alle Wilhelmsdorfer Kinder gehen in Rehren zur Schule), Verwaltungsschwierigkeiten (Entfernung).
Ein Hauptargument fiel unter den Tisch: "Der Hauptgrund, den die damalige Gemeindevertretung von Rehren in politischer Hinsicht zum Ausdruck gebracht hat und woran die Umgemeindung gescheitert ist (die Gemeinde Rehren hätte kein Verlangen, die Sozialdemokraten ihrer Siedlung der Gemeinde Haste abzunehmen), ist dank durch die neue Regierung, wo die Parteien restlos verschwunden sind, heute kein Grund mehr."
Der Landrat lehnte nun diesen Antrag am 10. Juli 1934 ab, denn die maßgeblichen Gründe für die Ablehnung in 1933 "sind heute noch dieselben".
Überhaupt die Schulkinder, an Buhr's Ecke war Treffpunkt (wie heute noch), dann ging es los, alle 8 Klassen auf einmal - Richtung Rehrener Schule. Ein-zweimal die Woche mußten Henkelmänner mitgenommen werden, im Rehrener Konsum wurden Heringe eingekauft. Bis Wilhelmsdorf war es noch ein Stück Weg und der Fisch schwamm in der Lake. Der Durst zu Hause muß immer sehr groß gewesen sein......
Der letzte Absatz endet mit mehreren Punkten und nicht mit einem, dies soll als ein offenes, vorläufiges Ende verstanden werden. Diese kleine Wilhelmsdorfer Geschichte möchte nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Trotz des kleinen Zeitraumes von 75 Jahren schlummern noch unerzählte Episoden, manch kleines Schmankerl, eine deftige Begebenheit oder zahlreiche Fakten in manch einem von uns. Dieses alles gesammelt, niedergeschrieben und zu einem späteren, absehbaren Zeitpunkt veröffentlicht, ergibt vielleicht ein kompletteres Gesamtbild unseres kleinen Dorfes.
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